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Urbane Gewässer - kein reines Vergnügen

19. Berliner Naturschutztag 2018

Vom kleinsten Pfuhl bis zur Spree - die Gewässer in Berlin sind vielen Belastungen ausgesetzt. Beim 19. Naturschutztag am 24. Februar gaben unsere Referent*innen einen Überblick über den Zustand der Berliner Gewässer.

Blick von der Fischerinsel - Foto: Jens Scharon

Blick von der Fischerinsel - Foto: Jens Scharon

Von der Wuhle bis zur großen Wannsee - die Gewässer Berlins sind besonderen Belastungen ausgesetzt. Organische Einträge zehren Sauerstoff, Schwermetalle aus Reifenabtrieb werden in die Gewässer gespült, ebenso Sulfate aus dem Kohleabbau, dazu Verbrennungs- und Medikamentenrückstände. Querbauwerke wie die Mühlendammschleuse wirken als Barrieren und machen Bibern und anderen Wasserbewohnern das Leben schwer. Immer mehr Ufer werden zugebaut - für Pflanzen und Tiere bleibt kein Platz mehr. Aquatisch und amphibisch lebende Tiere und Pflanzen haben es vielerorts schwer in Berlin. Wir fragen deshalb an unserem nächsten Berliner Naturschutztag: In welchem ökologischen Zustand befinden sich die Berliner Gewässer? Wo steht Berlin bei der Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie? Und wie geht es Fischen, Bibern, Amphibien und Wasservögeln in Berlin?


„An oberste Stelle steht das Durchsetzen der Wasserrahmenlinie"

Regine Günther - Foto: Nicole Walter

Regine Günther - Foto: Nicole Walter

Die Berliner Gewässer seien zentrale Erholungsorte und Lebensraum für viele Tier- und Pflanzenarten. „Die Wasserqualität der größeren Berliner Seen ist deutlich besser geworden, das Wasser ist klarer. Aber wir wissen auch, wie viel Schmutz, Gülle und Abwässer wir immer noch in die Flüsse und Seen kippen.“ Ob Sulfate aus dem Brandenburger Braunkohletagbau oder Pestizide und Nitrate aus der Landwirtschaft: all dies lande im Berliner Wasser. Günther plädierte daher für ein weitere Verbesserung der Gewässerqualität: „An oberste Stelle steht das Durchsetzen der Wasserrahmenlinie. Aber auch wir sind schon aktiv. Wir stecken augenblicklich 500 Millionen Euro in die Modernisierung von Kläranlagen.“ So wolle man Rückstände von Arzneimitteln oder Mikroplastik aus dem Wasser holen und damit die Gewässer entlasten. Ein weiteres wichtiges Thema sei für die aktuelle Landesregierung ein verbessertes Regenwassermanagement. Dies werde in Zeiten des Klimawandels immer wichtiger. „Wenn so viel Regen fällt, dass die Kanalisation das nicht mehr bewältigen kann, gelangt das stark verschmutzen Wasser ungefiltert in die Gewässer. Das führt zu einer spürbaren Verschlechterung der Wasserqualität.“ Lösungsansätze für dieses Problem habe die Berliner Landesregierung gemeinsam mit den Berliner Wasserbetrieben geschaffen.

Zum Abschluss ihrer Rede richtete Regine Günther ihr Wort direkt an die Besucher*innen des Naturschutztages: „Sie geben der Natur eine Stimme. Wir brauchen sie, damit sie ihre Ideen äußern, wir brauchen ihren Mut und wir brauchen ihre Zähigkeit. Liebe Naturschützer und Naturschützerinnen: Ohne sie wird es nicht gehen, die Stadt lebenswert zu erhalten. Deshalb freue ich mich auf die weitere Zusammenarbeit. Ich bin sicher, dass wir in den nächsten vier Jahren sehr viel zusammen bewegen können!“


Der Weg der Berliner Gewässer zum guten ökologischen Zustand

Antje Köhler - Foto: Nicole Walter

Antje Köhler - Foto: Nicole Walter

Den Weg der Berliner Gewässer hin zu einem guten ökologischen Zustand zeigte Antje Köhler von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz auf. In den vergangenen zehn Jahren wurden großflächige Monitorings in den Berliner Seen durchgeführt, so dass inzwischen viele Informationen über ihren Zustand vorliegen. Anhand der Bewertung verschiedener Komponenten wie zum Beispiel der Analyse des Nährstoffhaushalts und der wirbellosen Fauna wird so der Zustand der Gewässer eingeordnet.
Nach wie vor gibt es in vielen Gewässern Berlins Probleme durch die Gewässermorphologie, es fehlen Habitate für Flora und Fauna und die zunehmende Bebauung von Ufern zerstört Lebensräume.


Dezentrale Regenwasserbewirtschaftung - ein Beitrag zum Gewässerschutz in Berlin

Prof. Dr. Heiko Sieker - Foto: Carmen Baden

Prof. Dr. Heiko Sieker - Foto: Carmen Baden

Professor Dr. Heiko Sieker von der TU Berlin informierte düber die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung und deren Beitrag zum Gewässerschutz. Vor allen Dingen in Großstädten ist durch das Bauen von Straßen und Häusern der Boden mittlerweile so sehr versiegelt, dass das Regenwasser nicht mehr in den Boden eindringen kann. Dies führt zu einer Senkung des Grundwasserspiegels, da das Grundwasser nicht mehr durch versickertes Regenwasser ergänzt werden kann. In Großstädten wie Berlin beträgt die Versiegelung mittlerweile 55 bis 85 Prozent der Fläche. Ein weiteres Problem sieht Sieker in der Regenwasserverschmutzung durch öffentliche Räume, Industrie und Privatgrundstücke. Um Regenwasser sinnvoll zu nutzen stellte der Professor der TU Berlin das „End-Of-Pipe“ genannte Verfahren vor. Dabei soll das Regenwasser in sogenannten Regenklärbecken gesammelt werden. Dies ist jedoch mit hohen Kosten verbunden und kompensiert nicht den damit verbundenen Eingriff in den Wasserhaushalt. Sieker forderte deswegen einen Paradigmenwechsel von dieser Methode zu einem Umgang mit Regenwasser, der sich am natürlichen Regenwasserhaushalt orientiert. Ein Lösungsansatz ist die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, die viele Alternativen zu der „End-Of-Pipe“-Lösung bietet. Diese beinhalten Versickerungsanlagen, durchlässige Pflaster, Beläge und Dachbegrünungen. Die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung sei ein neuer Trend, der immer mehr Zulauf gewinne. So würde dieses Konzept in vielen neu gebauten Wohnquartieren in Berlin angewendet. Das Kurt-Schumacher-Quartier, das Quartier am Blankenburger Pflasterweg oder die Buckower Felder sind hier als Beispiele zu nennen.


Biber, Berliner, Investoren - wem gehören die Ufer der Stadt?

Manfred Krauß - Foto: Nicole Walter

Manfred Krauß - Foto: Nicole Walter

Manfred Krauß gab einen Einblick in die gegenwärtige Lage der Biber in Berlin. Die Nager haben sich vor allem an den Rändern der Stadt sowie den großen Parkanlagen der Stadt mehr oder minder stabile Reviere aufgebaut. Krauß gab hier einige Beispiele für Reviere von Bibern in der Hauptstadt. Habitate der Nagetiere waren zum Beispiel am Salzufer am Landwehrkanal, aber auch am Buschgrabenteich in Zehlendorf oder sogar im Görlitzer Park in Kreuzberg zu finden. Als zentrales Problem der Berliner Biber machte Krauß neben dem zunehmenden Nahrungsmangel durch Pflegemaßnahmen des Wasserstraßen- und Schiffahrtsamtes auch die Bebauung der Ufer aus. Die direkt an Ufern liegenden Grundstücke seien für den Immobilienhandel die „Goldnuggets“ auf dem städtischen Wohnungsmarkt. Angeführt wurden die Überbauung eines Gewässers an der neuen Erpe im Bezirk Treptow-Köpenick, der Bau eines 15 Meter hohen Wohngebäudes am NSG Bäkewiese/Griebnitzsee sowie die Entstehung von Einfamilienhäusern am Tegeler Hafen. Krauß hob hier ausdrücklich hervor, dass die an Ufern gebauten Wohnungen nicht die aktuelle Wohnungsnot in Berlin beheben würden. Vielmehr sei die Bebauung von Gewässerufern erst durch die Verschleuderung der Schlüsselgebiete von Stadtplanern und Politik an sogenannte Investoren möglich gemacht worden. Dadurch sei die Chance, die Gewässerufer in die Stadtlandschaft zu integrieren im wahrsten Sinne des Wortes verbaut worden. Die Wasserrahmenrichtlinien würden zwar die Herstellung eines „guten, ökologischen Zustandes bzw. Potentials bis 2021“ verlangen, eine erfolgreiche Umsetzung sei jedoch in Anbetracht der gegenwärtigen Lage fraglich.


Viele Besucher beim Naturschutztag 2018 - Foto: Carmen Baden

Viele Besucher beim Naturschutztag 2018 - Foto: Carmen Baden


Berliner Gewässer - (k)eine Hoffnung für Amphibien

Susanne Bengsch - Foto: Nicole Walter

Susanne Bengsch - Foto: Nicole Walter

Die Biologin Susanne Bengsch stellte in ihrem Vortrag die Bestandssituation der insgesamt 13 in Berlin vorkommenden Amphibienarten vor. Zu Anfang gab Bengsch einen kleinen Überblick über die verschiedenen Arten wie zum Beispiel Teichmolche, Erdkröten und Grasfrösche. Dabei betonte sie die Wichtigkeit der Amphibien für Kleingewässerbiotope. Diese unterstützten die Entwicklung von Funktionalität und trügen dadurch zum Biotopschutz bei. Beliebte Habitate für Amphibien sind in Berlin laut der Biologin z. B. der Tierpark Berlin, der Große Rohrpfuhl in Spandau sowie der CleanTech Park in Marzahn. Die mit Abstand am häufigsten vorkommende Amphibienart in den Berliner Gewässern ist der Teichfrosch. Dieser konnte in über 70 % der Gewässer beobachtet werden. Doch dies täuscht nicht über die Tatsache hinweg, dass es um die Amphibienbestände in Berlin nicht zum Besten steht. In Gebieten mit ehemaligem großem Artenspektrum wie den Falkenberger Rieselfeldern und der Malchower Aue ist die Artenvielfalt in den letzten Jahren stark zurückgegangen. Dies sei laut Bengsch vor allen Dingen auf den Verlust von geeigneten Laichgewässern u.a. durch den Grundwasserrückgang zurückzuführen. Auch Pflegerückgänge und Sukzession seien kausal für die schlechte Verfassung der Amphibienpopulationen. Durch ein Amphibien-Habitat-Management Programm wird versucht, dem entgegenzusteuern. Dieses Programm beinhaltet unter anderem die Einführung von Entwicklungshabitaten, Einbindung von Instituten und Umweltorganisationen sowie die Ausarbeitung von Strategien über Sofort- und Dauermaßnahmen. Als Beispiel für kurzfristige Sofortmaßnahmen schlug die Biologin eine Umsetzung von Kaulquappen aus austrocknenden in ausreichend wasserführende Gewässer sowie eine Wassereinleitung in trockengefallene Tümpel und Weiher vor. Langfristig forderte Bengsch Amphibienhilfsprogramme in Form von auftragsweiser Bewirtschaftung der Bezirke sowie ein bundesweites Ausgleichskonzept in Form einer ökologischen Aufwertung von Fließ- und Stillgewässern. Abschließend appellierte Susanne Bengsch für eine Zusammenarbeit von Wissenschaft, Verbänden, Politik und interessierten Bürgern. Nur so gelänge Naturschutz.


Quallen und Co. im Wannsee - eingeschleppte wirbellose Tiere

Dr. Reinhard Müller - Foto: Nicole Walter

Dr. Reinhard Müller - Foto: Nicole Walter

Dr. Reinhard Müller vom Planungsbüro für Hydrobiologie in Berlin stellte in seinem Vortrag eingeschleppte wirbellose Tiere in Berliner Gewässern vor. Eine Klarstellung gleich zu Beginn, denn oft ist von "Neozoen" und "invasiven" Arten die Rede, ohne dass die Begriffe korrekt verwendet werden. So werden als „Neozoe“ Tiere bezeichnet, die nach 1492 vom Menschen eingeschleppt wurden, während als „invasiv“ Arten bezeichnet werden, welche zu einer Beeinträchtigung der einheimischen Lebensgemeinschaft oder zu ökonomischen oder gesundheitlichen Schäden führen können. Vor allen Dingen unter Weichtieren ist die Zahl der eingeschleppten Arten in Berlin besonders groß. So sind von 71 vorkommenden Weichtierarten 9 neozoe. Dies entspricht 13%. Noch einprägsamer ist die Anzahl der eingeschleppten Krebstierarten. 21 von 25, darunter der letztes Jahr in die Schlagzeilen geratene Amerikanische Sumpfkrebs, sind neozoe. Laut Dr. Müller verbreiteten sich die Arten über Wasserstraßen und die damit verbundene Schifffahrt. Auch durch Kanalbau könnten sich diese fremdländischen Arten leichter ausbreiten. Ein weiterer großer Faktor ist der Aquaristik- und Teichbedarfshandel. Durch beabsichtigte oder unbeabsichtigte Aussetzung von neozoen gelangen diese in den für sie neuen Lebensraum. Zudem seien eingeschleppte Arten oft Störzeiger für Gewässerbelastungen wie beispielsweise Verockerung, Versalzung oder Belastungen mit thermischem Zusammenhang. Auch die Verdrängung heimischer Arten durch invasive stellt ein zunehmend größer werdendes Problem dar. Resultierend daraus schloss Dr. Müller seinen Beitrag mit der Forderung nach einer Flächendeckenden Kartierung der Großkrebse in Standgewässern. Weiterhin müsste der Handel mit nicht-heimischen Tierarten besser kontrolliert werden.


Aktuelle Entwicklung der Berliner Fischfauna

Dr. Christian Wolter - Foto: Nicole Walter

Dr. Christian Wolter - Foto: Nicole Walter

Über die aktuelle Entwicklung der Berliner Fischfauna informierte Dr. Christian Wolter vom Leibniz- Institut für Gewässer- Ökologie und Binnenfischerei. In 156 untersuchten Berliner Gewässern tummelten sich 2017 45 Fischarten. Dies sei ein Indiz für die immer größer werdende Artenvielfalt in den Berliner Gewässern, so Wolter. Um diese weiter voranzutreiben, müssten jedoch die fischökologischen Potentiale der Hauptstadt besser ausgeschöpft werden. So ist die Zahl der auf Kies laichenden Flussfischarten sehr gering. Als negativ zu werten ist die Bedeutung von Barsch und Plötze für die Wasserrahmenrichtlinien. Diese zählen in den Bewertungskriterien zu den Abwertungsindikatoren. Weitere Probleme sieht Wolter bei den Hauptfließgewässern. Strukturarm und monoton stellen diese für viele Fischarten einen schwierigen Lebensraum dar. Wiederbesiedlungspotenzial ist auf den Nebengewässern vorhanden. Diese müssten mehr eingebunden und genutzt werden. Ein weiteres Problem für die Fischarten stellt die Bebauung der Ufer dar. Dadurch wird der Raum für etwaige ökologische Uferaufwertungen sehr knapp. Fischgemeinschaften würden im urbanen Raum allerdings nie ein „Biodiversitäts-Hotspot“ - die oben genannten Gründe stehen dem entgegen.


Die Bedeutung der Berliner Gewässer für rastende Wasservögel

Dr. Regina Eidner - Foto: Nicole Walter

Dr. Regina Eidner - Foto: Nicole Walter

Mit seinen 540 Brücken über Wasserläufe ist Berlin bestens für Vögel als Durchgangsstation oder Winterquartier geeignet. Nicht zu vergessen ist auch das Klima in der Stadt, das im Durchschnitt wärmer ist als auf dem Land. In dem Vortrag zum Thema „Bedeutung der Berliner Gewässer für rastende Wasservögel“ von Dr. Regina Eidner konnten die Gäste des Naturschutztages vieles über die Bestände der Berliner Wasservögel erfahren. Anhand von anschaulichen Grafiken stellte Frau Dr. Eidner die aktuelle Population der Wasservögel vor. „Achtmal im Jahr zählen wir Wasservögel, von September bis April“, referierte das Mitglied der Berliner Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft e.V..

Bezogen auf die verschiedenen Wasservogelarten analysierte Eidner, dass sowohl bei den Stockenten, als auch bei den Tafelenten der Bestand schleichend zurückging. Stockenten stellen dennoch mit 40,9 Prozent die am häufigsten gesichtete Art dar, gefolgt vom Blässhuhn mit 36,1 Prozent. Häufige Wintergäste sind auch Reiherente und Tafelente, wobei letztere stärker im Rückgang betroffen ist und anders als vor 20 Jahren kaum noch in der Innenstadt zu beobachten ist.

Die Karower Teiche gehören im Herbst und Frühjahr zu den besonders attraktiven Rastgebieten für durchziehende Wasservögel. Hier wurden neben vielen anderen Arten im November 2016 erstaunliche 191 Schnatterenten gezählt, um ein Beispiel zu nennen.

Während die meisten Wasservogelarten tendenziell im Bestand abnehmen, hat die Graugans deutlich zugenommen und dabei in den letzten 14 Jahren Berlin im Sturm erobert. Dabei erwiesen sich die Aprildaten als besonders wertvoll für die Schätzung des Brutbestandes.


Autor: Felix Graf


Dr. Regina Eidner - Foto: Nicole Walter

Dr. Regina Eidner - Foto: Nicole Walter


0.8 MB - Programm des 19. NABU Naturschutztags 2018







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