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Öl statt Zucker

Auen-Schenkelbiene ist Wildbiene des Jahres 2020

Eine Wildbiene mit einer für Mitteleuropa einzigartigen Lebensweise – das ist die Auen-Schenkelbiene (Macropis europaea), die zur „Wildbiene des Jahres“ 2020 gekürt wurde.

Auen-Schenkelbiene - Foto: W. Rutkies

Auen-Schenkelbiene - Foto: W. Rutkies

Wenn es im Sommer an den Blüten summt und brummt, lohnt es sich, genau hinzuschauen. Über 580 Wildbienenarten leben in Deutschland, mehr als 323 davon sind auch in Berlin zu finden. Eine davon wurde nun aufgrund ihrer besonderen Lebensweise zur Wildbiene des Jahres 2020 gekürt: die Auen-Schenkelbiene.


Besonders an der Auen-Schenkelbiene ist ihre Symbiose mit dem Primelgewächs Gilbweiderich, wie sie in dieser Ausprägung sonst nur in den Tropen bekannt ist. Die Biene füttert ihre Brut nicht wie ihre Wildbienen-Kolleginnen mit Nektar und Pollen. Stattdessen sammelt sie das Öl des heimischen Gewöhnlichen Gilbweiderichs (Lysimachia vulgaris) und vermengt es mit Pollen, um den Hunger der Larven zu stillen. Um das Öl zu gewinnen, bestreicht und betupft sie den Blütengrund des Gilbweiderichs mit den Vorder- und Mittelbeinpaaren, an deren Innenseiten sich Saugpolster befinden, die das Öl aufnehmen. Gleichzeitig, fast nebenbei, bleibt am Bauch der Blütenpollen hängen. Bei diesem Vorgang lässt sich oft beobachten, dass die Biene während des Ölsammelns in der Blüte ihr letztes Beinpaar weit in die Luft streckt. Beim Weiterflug werden Pollen und Öl dann zu den Hinterbeinen befördert, an denen die kleinen nahrhaften Päckchen zum Nachwuchs transportiert werden.


Ein Leben in Symbiose

Gewöhnlicher Gilbweiderich - Foto: Helge May

Gewöhnlicher Gilbweiderich - Foto: Helge May

Der Gewöhnliche Gilbweiderich ist eine der Arten mit der bei uns seltenen Eigenschaft, Öl statt Nektar zu produzieren. Dadurch ist die Blüte dieser Pflanze für andere Bestäuber kaum interessant. Der Gilbweiderich ist also für seine Bestäubung genauso auf die Schenkelbiene angewiesen, wie diese auf dessen Öl zur Brutversorgung.

Die goldgelben Rispen blühen ab Juni an großen, aufrechten Stauden, die lange Ausläufer bilden können. Der Gewöhnliche Gilbweiderich ist an feuchte Standorte gebunden, wie beispielsweise Uferböschungen, Entwässerungsgräben oder Moore, er benötigt aber auch viel Tageslicht.
Neben dem Gewöhnlichen Gilbweiderich gibt es in Deutschland noch weitere ölbildende Arten: den Pfennig-Gilbweiderich (Lysimachia nummularia) und den Punkt-Gilbweiderich (Lysimachia punctata). Diese beiden Arten wachsen eher an trockenen Standorten und werden von der Auen-Schenkelbiene vernachlässigt, dienen aber der Schwesterart Wald-Schenkelbiene (Macropis fulvipes) als Nahrungspflanzen für deren Brut.


Eigenversorgung und Fortpflanzung

Zur Eigenversorgung benötigt die Auen-Schenkelbiene Nektar und sucht sich diesen meist im nahen Umfeld des Gilbweiderichs. Bei der Nektarsuche ist diese Wildbiene nicht spezialisiert und profitiert von verschiedenen Blütenpflanzen, die in der näheren Umgebung ihrer Nisthöhle wachsen.
Zur Fortpflanzung finden sich dann auch die Männchen auf den Blüten des Gilbweiderichs ein und sind oft an ihrem hektischen Flug erkennbar, bei dem sie versuchen, paarungswillige Weibchen ausfindig zu machen.

Sowohl Männchen als auch Weibchen ohne Nachwuchs verbringen die Nacht gerne in Blüten des Gilbweiderichs, wohingegen die Mutterbienen meist in ihrem Nest übernachten. Diese Nester werden gut versteckt in der Nähe der Nahrungspflanzen angelegt, zum Beispiel unter Gras oder Moos, und umfassen einen Hauptgang von etwa acht Zentimetern Länge. Von dort gehen bis zu vier Seitengänge mit je zwei Brutzellen am Ende ab. Schaut man genau hin, so kann eine kleine Auswurfhalde, der Tumulus, den Eingang des Nestes verraten. Diese Wildbiene brütet solitär, das heißt es wird kein Staat gebildet wie man ihn beispielsweise von der Honigbiene kennt. Manchmal befinden sich aber mehrere Nester in unmittelbarer Umgebung und bilden kleine Kolonien.


Die Garderobe

Schenkelbiene auf Gilbweidrich - Foto: Michael Steven

Schenkelbiene auf Gilbweidrich - Foto: Michael Steven

Die Auen-Schenkelbiene ist nur etwa acht bis neun Milimeter groß und die Körperzeichnung ist insgesamt eher dunkel mit hellen Hinterleibsbinden. Die Männchen tragen eine auffällige gelbe Färbung im Gesicht und ihre Hinterbeinschienen weisen eine Verdickung auf: es ist das Merkmal, dem diese Art ihren deutschen Namen verdankt. Die Weibchen tragen an ihren Hinterbeinen dicke weiße Haarbüschel, die sogenannten Scopae. Die Weibchen der Wald-Schenkelbiene unterscheiden sich durch eine gelb-bräunliche Färbung dieser Haarbüschel. Sichtbar wird die Färbung bei beiden Arten allerdings nur, wenn die Hinterbeine gerade nicht von dem Öl-Pollen-Gemisch ummantelt sind, dass die Bienen vom Gilbweiderich aufnehmen.


Larvenglück mit Kuckuck

Der Energiegehalt des Pflanzenöls ist in etwa achtmal so groß wie der von zuckerhaltigem Nektar. Während der Monate Juni bis August ist die Auen-Schenkelbiene ohne Unterlass damit beschäftigt, die für sie so wichtigen Gilbweiderichblüten zu finden. Sobald die Larven genügend Proviant erhalten und verzehrt haben, spinnen sie einen Kokon in ihren Brutzellen und überwintern so als Ruhelarven. Im warmen Frühling verpuppen sie sich schließlich und fliegen anschließend als voll entwickelte Wildbienen hinaus in die Welt.

Als Gegenspielerin parasitiert die Schmuckbiene (Epeoloides coecutiens) als „Kuckuck“ die Auen-Schenkelbiene. Sie macht sich den Fleiß der Schenkelbiene zu Nutze und legt ihre Eier in das Nest der Wirtin ab, sodass die Larven mitversorgt werden; sie ist also ein Brutparasit. Diese Schmuckbiene ist spezialisiert auf die Schenkelbiene als Wirtin und kann ohne sie nicht existieren, da sie selbst keine Nester baut oder Nahrung für den Nachwuchs sammelt. Der Verdauungsapparat der Schmuckbienenlarven hat sich wie die Larven der Schenkelbienen auf die „Ölkuchen“ eingestellt. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, ökologische Zusammenhänge im Ganzen zu betrachten. Rund ein Viertel unserer heimischen Wildbienenarten leben als Kuckucksbienen, oft mit einer sehr engen Bindung an die Wirtsbienen.


Wildbienenansprüche und Fördermöglichkeiten

In Berlin wird die Auen-Schenkelbiene trotz ihrer hohen Spezialisierung bisher als nicht gefährdet eingestuft. In Bezug auf die Bodenverhältnisse und den Bewuchs ist sie bei ihrem Nestbau recht anspruchslos und daher weniger als andere Wildbienenarten von Habitatverlust betroffen. Ihre enge Bindung an den Gewöhnlichen Gilbweiderich beschränkt ihr Vorkommen jedoch auf Gegenden, in denen beide Partner ökologisch günstige Bedingungen vorfinden. Die Auen-Schenkelbiene kann also durch die gezielte Anpflanzung und Kultur dieser attraktiven Staude zum Beispiel im Uferbereich von Gartenteichen oder an Bächen gefördert werden. Auch sollten in den Sommermonaten die Uferbereiche von (Fließ-)Gewässern keinesfalls gemäht werden, um den vielen darauf angewiesenen Blütenbesuchern nicht die Nahrungsgrundlage zu entziehen.


Kuratorium "Wildbiene des Jahres"

Das Kuratorium „Wildbiene des Jahres“ wählt seit 2013 jährlich eine Wildbienenart aus, um an ihrem Beispiel die vielfältige Welt dieser Tiere bekannter zu machen. Von den über 580 in Deutschland lebenden Wildbienenarten ist heute über die Hälfte bedroht. Informationen zum Wildbienen-Kataster gibt es hier. Außerdem soll die Wildbiene des Jahres dazu ermuntern, raus in die Natur zu gehen und ihre Lebensräume aufzusuchen. Damit wirkt die Initiative auch im Sinne einer Wissenschaft für alle (Citizen Science) und bringt Aufschluss über das aktuelle Vorkommen der Wildbiene des Jahres.


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Wildbiene - Foto: Stephan Härtel

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