Das Storchenjahr 2026
Ein bewegendes Jahr in Linum
Was als hoffnungsvoller Start in den Frühling begann, entwickelte sich im Linumer Storchennest zu einer bewegenden Saison voller Höhen und Tiefen.
Vier Eier im Nest
Am 24. Februar kehrte unser Männchen nach Linum zurück. Während es zunächst noch allein auf seinem Horst wartete, traf Ende März schließlich auch die Storchendame ein. Das Nest war vorbereitet, die Familiengründung konnte beginnen. Kurze Zeit später lag bereits das erste Ei im Nest, bis Ostern kamen drei weitere hinzu. Nach rund 31 Tagen war es so weit: Anfang Mai schlüpften die ersten Küken.
Zunächst waren die Jungstörche kaum mehr als kleine, graue Federbällchen und wogen gerade einmal rund 80 Gramm. Die Altvögel hielten sie unter ihrem Gefieder warm und versorgten sie mit vorverdauter Nahrung. Doch die Entwicklung schritt rasant voran. Schon bald standen Mäuse und Frösche auf dem Speiseplan – vier hungrige Schnäbel verlangten täglich mehr als ein Kilogramm Nahrung .
Aus vier wird zwei
In den folgenden Wochen kam es dann zu mehreren dramatischen Entwicklungen auf dem Horst: Ende Mai wurde das jüngste und kleinste Storchenkind von den Alttieren aus dem Nest geworfen, ein paar Tage später dann ein weiteres Küken. Dieses Verhalten wirkt aus menschlicher Sicht grausam, ist bei Weißstörchen jedoch eine häufige Überlebensstrategie. Bei Nahrungsknappheit oder anderen Belastungen konzentrieren die Eltern ihre Energien auf die kräftigeren Jungvögel. Besonders die jüngsten und schwächsten Küken haben deshalb oft nur geringe Überlebenschancen.
Für das jüngste Küken gab es dennoch Hoffnung: Es wurde geborgen und in eine Auffangstation gebracht. Das zweite Küken überlebte den Absturz jedoch nicht.
Angriff von außen
Auch für die beiden verbliebenen Jungstörche gab es keine Ruhe: Ende Juni griff ein fremder Storch die Jungvögel an und verletzte eines der Tiere schwer am Kopf. Der verletzte Jungstorch wurde in eine Pflegeeinrichtung gebracht, überlebte seine Verletzungen jedoch leider nicht. Damit verblieb nur noch ein Jungstorch im Linumer Horst. Dieser entwickelte sich weiter gut und konnte auch der extremen Hitze standhalten.
Anfang Juli, mit etwa neun Lebenswochen, begann für den verbliebenen Storch die vielleicht spannendste Phase des Erwachsenwerdens: das Flugtraining. Zunächst erhob er sich bei seinen Übungen nur wenige Zentimeter über den Horst, trainierte mit kräftigen Flügelschlägen seine Muskulatur und übte Start und Landung. Je häufiger diese Flugversuche wurden, desto deutlicher zeichnete sich ab, dass der erste große Schritt in die Selbstständigkeit bevorstand.
Ende Juli blieb das Nest bereits immer häufiger leer. Unser Jungstorch drehte fleißig seine Übungsrunden und bereitete sich auf seine Abreise vor. Mitte August verließ er den Horst schließlich endgültig Richtung Süden. Positive Nachrichten gab es schließlich auch vom Jungstorch aus der Aufzuchtstation: Nachdem er eine Zeit lang mit anderen Jungvögeln auf einem Auswilderungshorst versorgt wurde, trat auch er den Zug nach Süden an – ein versöhnliches Ende der diesjährigen Storchensaison!
Text: Jasmin Sadig, August 2026
