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Kampfkrähen oder normales Revierverhalten?

Kampfkrähen oder normales Revierverhalten?

Warum Nebelkrähen zuweilen Menschen attackieren

Nebelkrähen

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Im Verlauf des Monats Mai verlassen viele Vogeljunge bereits ihre Nester. Neben den anderen ca. 120 alljährlich in Berlin brütenden Arten sind es auch die jungen Nebelkrähen (Corvus cornix), die ihre ersten Schritte bzw. Flügelschläge in die Selbstständigkeit tun.
      Mit dem Ausfliegen der Jungkrähen kommen seit einigen Jahren die besorgten Anrufe, wonach ohne jeden ersichtlichen Grund harmlose Passanten oder gar Kinder auf Spielplätzen von Krähen attackiert werden – in ganz seltenen Fällen sogar mit Körperkontakt zwischen Mensch und Krähe.

Nebelkrähen

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Das häufigere Auftreten solcher Naturkontakte der besonderen Art kann mit der deutlichen Zunahme der Nebelkrähe in Berlin begründet werden. So ist in den letzten 25 Jahren der Brutbestand dieser Art in Berlin um weit über 50 Prozent gewachsen, wobei einige Stadtgebiete erstmals besiedelt worden sind, während in anderen der Brutbestand um ein Vielfaches zugenommen hat, vorwiegend in solchen Wohngebieten, deren Baumbestand erst in jüngerer Zeit aufgewachsen ist und eine Größe erreicht hat, dass Nebelkrähen in den Astgabeln ihre Nester errichten können. Als die Bäume Krähen diese Möglichkeit noch nicht boten, legten Elstern, deren Brutbestand in der Stadt ebenfalls deutlich zugenommen hatte, in den Zweigen ihre kugelförmigen Nester an. Aktuelle Untersuchungen in Berlin zeigen nun, dass überall dort, wo die Nebelkrähe einwandert bzw. im Bestand deutlich zunimmt, jener der Elster rückläufig ist.

Nebelkrähe

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Nach dem Nestbau, der ab Ende März zu beobachten ist, legen die Nebelkrähen bis zu sechs Eier, aus denen nach ca. 20 Tagen die Jungvögel schlüpfen. Erst nach einem weiteren Monat verlassen die jungen Krähen das Nest, so dass ab Mitte Mai ihre sog. Ästlingsphase beginnt. Als Ästlinge werden Jungvögel bezeichnet, die nach ihrer Aufzucht das Nest verlassen haben und noch unsicher ihre ersten Kletter- und Flugversuche in den Bäumen unternehmen. Während dieser Zeit kommt es nicht selten vor, dass Junge auf dem Boden, im Gebüsch oder auch auf Wegen landen, dabei jedoch ständig in Rufkontakt mit ihren Eltern stehen und weiterhin gefüttert werden. In der Regel erklimmen die Jungvögel nach einer Weile auf dem Boden wieder Bäume, schon weil sie dort besser vor Fressfeinden geschützt sind. Nähern sich allerdings Menschen den noch recht hilflosen Jungkrähen unwissentlich, aus Neugierde oder um zu helfen, kann es schnell passieren, dass dies ein Altvogel als Bedrohung seines Nachwuchses sieht und Angriffsflüge startet, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, seinen Nachwuchs zu verteidigen und ihm die Flucht zu ermöglichen.

Nebelkrähe

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Aus diesem Grund sollten hilflos erscheinende Jungvögel am Boden zunächst aus einiger Entfernung beobachtet werden. Erst wenn sich über einen längeren Zeitraum (durchaus zwei bis drei Stunden) offenbar kein Altvogel mehr für den Nachwuchs interessiert, sollte die Wildtierpflegestation des NABU Berlin unter 030-54 71 28 92 kontaktiert werden.
      Das vorher beschriebene Verhalten zeigen übrigens alle Singvögel, handele es sich nun um Spatz, Rotschwanz oder eben die Nebelkrähe, nur nimmt man Angriffsflüge einer ausgewachsenen Krähe anders wahr als das erregte Tschilpen und Verleiten eines Haussperlings.
      Mitunter wird dem NABU berichtet, dass einzelne Krähen BürgerInnen mit auffälligen Kennzeichen wie grell gefärbtem Haar, roter Kopfbedeckung u. ä. oder auch in Begleitung eines Hundes angreifen. Eine verbindliche Erklärung für dieses Phänomen haben wir nicht, aber Anrufe und Briefe belegen, dass im Stadtgebiet gar nicht so selten Krähen regelmäßig gefüttert oder als Jungtiere zu Hause aufgezogen werden. Sind die Vögel dann zu selbstständig geworden, möchte man sie auswildern und wendet sich zuweilen auch an den NABU. Derart auf Menschen geprägte Krähen aber haben jede Scheu vor ihnen verloren und können es sicherlich nicht verstehen, warum es einige BerlinerInnen - mit oder ohne auffällige Kennzeichen oder Hund - sehr gut mit ihnen meinen, wohingegen andere, von denen man sich auch nur Nahrung erhofft, die Annäherungen als Angriff interpretieren, haben doch Untersuchungen gezeigt, dass Krähen zu den "intelligentesten" Vögeln gehören. (Näheres dazu im folgenden Beitrag...)

26. Mai 2010

Die Intelligenz der Krähe

Eine Vogelgruppe spaltet die öffentliche Meinung

Wasservogelfütterung

Wasservogelfütterung

Auch wenn es nicht in der Sonntagsausgabe der Berliner Morgenpost vom 27. Februar 2005 gestanden hätte, ist es doch allgemein bekannt: Krähen sind schlau.
      Seit Jahren gehen die Meinungen über die Krähenvögel (nicht nur) in Berlin auseinander: Die einen sind von ihnen fasziniert, andere schmähen sie als Singvogel-Killer, der seit seiner Zunahme in unserer Stadt für einen deutlichen Rückgang der Singvogelbestände gesorgt hätte. Ein Vorurteil, dass auch der NABU trotz verschiedener Medienbeiträge über die ökologischen Zusammenhänge und Verweise auf aktuellste Untersuchungsergebnisse offenbar bislang nicht hat ausräumen können. Doch bis heute gibt es keinerlei Hinweise oder Erkenntnisse der Ornithologen, die dieses Vorurteil bestätigen würden. Die für Krähenvögel als Nahrung erreichbaren Freibrüter, wie Amsel und Grünfink, zeigen in Berlin nach wie vor einen gleich bleibenden oder gar zunehmenden Brutbestand. Für keine Tiergruppe interessieren sich so viele Menschen wie für die der Vögel, so dass eine Änderung im Brutbestand kaum unentdeckt bliebe.
      Vielleicht können folgende Fotos, die von der Intelligenz der Krähen zeugen, ein wenig um Sympathie für sie werben...

Nebelkrähe

Wo war doch gleich die Tüte?

Die Tierliebe der Berlinerinnen und Berliner ist sprichwörtlich, und so ist es kein Wunder, dass sich täglich an geeigneten Stellen im Uferbereich von Gewässern Passanten einfinden, um die dort bereits wartenden Wasservögel zu füttern. Da die Schwäne, Enten, Möwen und andere Vogelarten die Besucher nicht enttäuschen wollen, haben sie sich auch zahlreich versammelt. Während traditionell Brot zum Einsatz kommt, das wegen verschiedenster Inhaltstoffe eher ungeeignet für die Wintervogelfütterung ist, bringen sachkundigere Vogelliebhaber eine Tüte mit Getreidekörnern mit. – Und von dieser besonderen Art der "Symbiose" lässt sich, wie unsere Bilder zeigen, auch auf Umwegen profitieren:

Nebelkrähe

Da muss doch noch was sein...

Irgendwann ist das Futter alle – das hat auch die Nebelkrähe gelernt, die wahrscheinlich von einem Baumwipfel herab die Szenerie am Seeufer beobachtet hat. Aufmerksam verfolgt sie den eben noch Futter spendenden Passanten. Und da sie über längere Zeit die Verhaltensweisen der Menschen studieren konnte, weiß sie, dass die Futtertüten häufig in nahe Müllbehälter wandern. Sobald sich die Krähe dort unbeobachtet wähnt, gilt es für sie nur noch, die Tüte herauszuziehen, auszuschütten und die darin enthaltenen Reste selber zu verspeisen.

Nebelkrähe

Sag ich doch! / Fotos: Scharon

Und auch folgende Meldung kommt da gerade recht: Ein kanadischer Forscher hat 2000 Berichte von Vogelkundlern analysiert, die das Lernverhalten und die Strategie bei der Futtersuche zum Thema hatten. Daraus wurde ein "Vogel-IQ" entwickelt. Den ersten Platz erzielte die Krähe, den letzten übrigens die Wachtel...

Näheres zum "Vogel-IQ" erfahren Sie hier...

Nachwuchs beim Weddinger Kirchturmpaar

Kolkraben auf der Stephanus-Kirche

Kolkraben auf der Stephanus-Kirche

In Berlin gibt es inzwischen wieder 30 Kolkrabenpaare. Eines davon baute sein Nest auf der Spitze des Turmes der Stephanus-Kirche in Wedding. Nun schlüpfte der Nachwuchs. Für die Ornithologen ein Grund, ihnen einen Besuch in schwindelerregender Höhe abzustatten. mehr Mehr

Rabenvögel - Müssen sie bekämpft werden? (Merkblatt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung)

In Kolkrabens Kinderstube

Zahlreicher Nachwuchs in Pankower Horst

Kolkrabe03

Kolkrabe / Foto: Scharon

Zwei Pankower Brutreviere dieser imposanten Vögel waren Ziel der NABU-Exkursion am vergangenen Sonntag (22.4.). Wir wollten unsere größten heimischen Singvögel besuchen und einen Blick auf ihren Nachwuchs werfen.
      Zu unserer Überraschung hatten die beiden Jungraben im Botanischen Volkspark bereits ihr Nest verlassen. Sie flogen im Gelände umher und ließen sich gut beobachten. Besonders augenfällig wurden die Unterschiede von Alt- und Jungvögeln, wenn sie nebeneinander saßen: dem schwarzen Gefieder der Jungen fehlt noch der metallische Glanz, womit die Eltern prunken. Auch die Punktlandungen auf den höchsten Baumspitzen waren beim Nachwuchs noch deutlich unbeholfen. Aber die tiefen, rauen "Quorr"-Rufe waren bereits weithin zu hören.

Kolkraben-Nest

Im Rabenhorst / Foto: Kenntner vergrößern

Das nächste von uns besuchte Revier hielt dann eine weitere Überraschung bereit: Zwar war im Nest Nachwuchs deutlich zu erkennen, doch die genaue Anzahl nicht zu bestimmen.
      Dr. Norbert Kenntner, der seit dem letzten Jahr die innerstädtische Population der Kolkraben genauer untersucht, erkletterte den Horstbaum und konnte sage & schreibe fünf Rabenkinder vermelden!

Kolkraben-Kiele

Die Federkiele / Foto: Gehring

Eins davon wurde zu unserer Freude im Leinenbeutel herab gelassen – "damit hier oben mehr Platz ist", wie Kenntner herunterrief – und von den ExkursionsteilnehmerInnen ausgiebig bestaunt.
      Mit etwa 1200 Gramm war der Jungrabe gut konditioniert; auch seine vier, oben im Nest verbliebenen Geschwister wiesen eine zufrieden stellende Körpermasse auf. Das Federkleid war in gutem Zustand und muss nur noch kräftig wachsen, bis die Flügel den Körper tragen können. Ausgewachsene Kolkraben erreichen eine Flügelspanne von 1,50 Meter und können bis zu 1,5 Kilo wiegen.

Norbert Kenntner

Dr. Kenntner mit Proberöhrchen / Foto: Gehring

Kenntners Untersuchungen der Kolkraben dienen der Gewinnung von Daten u. a. zur Reproduktion und Bestandsentwicklung. Anhand kleiner Feder- und Blutproben sollen genetische Untersuchungen zunächst das Geschlecht der Jungvögel bestimmen und sodann zur Klärung der Verwandschaftsbeziehungen innerhalb der europäischen Rabenpopulation beitragen.
      Wohlbehalten und wie seine Geschwister mit dem Kennring der Vogelwarte Radolfzell versehen, wurde der vorübergehend Entführte anschließend wieder empor gehievt und ins Nest zurückgesetzt.
      Kaum hatten wir uns ein Stück weit vom Horstbaum entfernt, waren auch schon die Eltern, die die ganze Zeit aufgeregt ob der Störung über uns ihre Kreise gezogen hatten, wieder bei ihren Jungen. Die große Anzahl und gute Kondition der Jungen lässt auf eine gute Nahrungsbasis schließen. In etwa zwei Wochen verlassen sie das Nest und im Spätsommer dann das elterliche Revier.

27.04.07

Saatkrähen-Kolonie am Flughafen Tegel

Wiederansiedlung stark gefährdeter Art macht Hoffnung

Saarkrähen-KolonieTXL

Saatkrähen-Kolonie TXL

Wie in den vergangenen Jahren entwickelt sich die Saatkrähen-Kolonie wieder zu einer stattlichen Größe. Nachdem die Winterstürme einen Großteil der alten Nester zerstört hatten, begannen die Brutkrähen schon Anfang März mit Um- und Neubauten. Zu Ostern waren bereits fünfzig Nester fertig, und inzwischen ist das Brutgeschäft in vollem Gange.
      Das Geschehen in der Brutkolonie und an den Brutnestern kann jetzt noch gut beobachtet werden, bevor die Bäume stärker belaubt sind. Von der Vorfahrtrampe und den Parkplätzen aus sind gute Einblicke möglich. Der Gang durch die Kolonie sollte zügig erfolgen, um Kotspritzer von oben zu vermeiden. Auch bleibt der Störeffekt dann gering.

Saatkrähen-KolonieTXL

Saatkrähen-Kolonie TXL

Von den entfernteren Beobachtungspositionen aus können auch die An- und Abflüge zur Nahrungssuche beobachtet werden. Sie führten in der Vergangenheit immer zu den Justizvollzugsanstalten in Plötzensee und Tegel und zur BSR. Dort holen sich die Krähen Schrippen, Abfälle u. a. m. Auch im näheren Umfeld können die erwachsenen Vögel reichlich pflanzliche Nahrung, insbesondere Eicheln finden. Für die Nestlinge und späteren Ästlinge ist das notwendige tierische Futter offenbar nicht so reichlich vorhanden. Es wird in Gestalt von Regenwürmern, Insektenlarven u. a. vom wenig ergiebigen Flugfeld geholt. Entsprechend ist der Bruterfolg mit statistisch ca. 1,2 Junge pro Brutpaar sehr niedrig.

Saatkrähen

Brutpaar / Fotos: Stork vergrößern

Übrigens existiert diese Saatkrähen-Kolonie erst seit 2001. Sie befand sich in den 80er Jahren noch im Quartier Napoléon (heute Julius-Leber-Kaserne), verteilte sich dann in der weiteren Umgebung und kehrte schließlich zum attraktiven Flugfeld zurück. Dort wissen die Beschäftigten von Flughafengesellschaft und Deutscher Flugsicherheit, dass ihre "Hauskrähen" mit den großen Vettern aus Blech gut zurechtkommen.

Saatkrähen stehen in Berlin übrigens als stark gefährdete Vogelart auf der Roten Liste und ihre Wiederansiedlung am Flughafen Tegel ist ein Hoffnungsschimmer.

12.04.07


DRÖGE/STORK: Eine neue Saatkrähen-Kolonie am Flughafen Berlin-Tegel

Ungeliebte Krähenvögel

...doch aus dem Ökohaushalt nicht wegzudenkende Regulatoren!

Elster

Elster / Foto: Strukow-Hamel

"Elstern sind die wahre Plage" hieß es neulich* in einem Leserbrief, abgedruckt in einer Berliner Tageszeitung. Der Autor fordert die Beseitigung der Elsternester zum Schutz der Singvögel. Wer glaubt, dass in unserer heutigen Zeit Fachwissen und wissenschaftlichen Erkenntnis Vorurteile abgebaut haben, der irrt.

      Seit Mitte April rufen nahezu täglich "besorgte" Bürger beim NABU Berlin an und fragen nach Rat, wie sie Elstern und Nebelkrähen von ihrem Hof vertreiben können. Oder ob der NABU die Nester nicht ausschießen könne. Zwar ist diese Forderung nicht die Regel, aber auch nicht die Ausnahme. Allen Anrufern ist eines gemeinsam: Seit dem Erscheinen der Krähenvögel haben sie in ihrem Wohnumfeld einen Rückgang der Singvögel festgestellt. Und sie haben beobachtet, wie Elstern oder Nebelkrähen Jungvögel aus den Nestern getragen haben.

      Häufig ist nicht bekannt, dass auch Krähenvögel zu den Singvögeln gehören. Wer einmal eine zwitschernde Elster mit ihrem glänzenden Gefieder in der Frühlingssonne oder die Gruppenbalz des Eichelhähers beobachtet hat, kann dieses jedoch leicht nachvollziehen.

      Von alters her haben wir Menschen ein besonderes Verhältnis zu den Krähenvögeln. Begriffe wie "diebische Elster" oder "Rabenvater" sowie unzählige Mythen und Legenden zeugen davon. Der Bogen reicht von großem Respekt, weil sie angeblich Unheil voraussehen und Glück bringen (so sahen es die Griechen) bis hin zu Angst, weil sie Unglück und Tod bringen (so die mitteleuropäischen Völker). Dass gleiche Verhaltensweisen völlig unterschiedlich bewertet wurden, zeigt folgendes Beispiel: Erschien eine Krähe von links, so bedeutete es bei den Römern etwas Schlimmes, die Franken hingegen interpretierten es als Omen für den glücklichen Ausgang einer Reise. Sollte sich unsere Einstellung nach Hunderten von Jahren nicht verändert haben?

      Richtig ist, dass die Brutbestände von Elster und Nebelkrähe in den vergangenen Jahren in Berlin deutlich zugenommen haben. Ein Prozess, der sich in der Innenstadt noch fortsetzt, in den Randbereichen jedoch kaum mehr zu beobachten ist. Gleichzeitig erfolgte aber ein deutlicher Rückgang in weiten Teilen der Feldfluren. Ursache dafür waren die zunehmende Intensivierung der Landschaftsnutzung und eine damit einhergehende Beseitigung der für die Nestanlage geeigneten Strukturen. Somit rückten die Tiere näher in unser alltägliches Blickfeld; an ihren Ernährungsgewohnheiten hat sich hingegen wenig geändert. Gerade die Berlin großflächig umgebenden Rieselfelder mit ihren Wällen und Hecken boten der Elster ideale Niststandorte und Nahrung. Nach ihrer Beseitigung verlagerten sich die Elstervorkommen in Richtung Stadt. Der aktuelle Brutbestand der Elster wird für das gesamte Stadtgebiet mit 4.300 angegeben, die Nebelkrähe bringt es auf 4.500 Reviere.

      Richtig ist auch, dass zum Speisezettel der Krähenvögel Eier und Junge anderer Freibrüter zählen. Aber bei weitem sind es nicht so viele, wie manch einer glauben mag. Untersuchungen an elf Nestern ergaben, dass Vögel unter sämtlichen Beutetieren einen Anteil von 0,4 Prozent ausmachen. Ihr Volumenanteil betrug allerdings 16,8 Prozent. Nur in jedem vierten Nest wurden Vogelbestandteile nachgewiesen. So kommt auch eine in Ulm durchgeführte Untersuchung zu dem Ergebnis, dass von Krähenvögeln kein erhöhter Prädationsdruck ausgeht. Der Bruterfolg der Kleinvögeln war in den untersuchten Gebieten mit hoher Krähenvogeldichte nicht schlechter als in Gebieten geringer Dichte. Diese Aussagen werden auch von Berliner und Osnabrücker Ornithologen bestätigt.

      Da Krähenvögel Allesfresser sind, kommt ihnen in unserer Natur eine wichtige Rolle als Gesundheitspolizei zu, vergleichbar mit der von Geiern in anderen Gefilden. Um die Entsorgung manches Kadavers oder biologischen Mülls müssten wir uns selber kümmern, kämen uns nicht die Krähen zu Hilfe.
In verschiedenen Untersuchungen wurde festgestellt, dass menschliche Störungen eine entscheidende Rolle beim Auftreten von Krähenvögeln als Nesträuber spielen. Elster und Nebelkrähe werden oft erst in Kombination mit Störungen, etwa durch Menschen, Hunde oder Katzen, zu Nesträubern: Wenn sie die Abwesenheit der Altvögel vom Nest zum Beutefang nutzen können. Für den Bruterfolg einer in der Stadt lebenden Art ist entscheidend, wie sie mit ihrem Ersatzlebensraum zurechtkommt. Beim "Waldvogel" Amsel fliegen zum Beispiel in Stadtgebieten im Vergleich zu Grasmücken deutlich weniger Junge aus. Das wird mit dem unterschiedlichen Feindvermeidungsverhalten und der Anpassung an den neuen Lebensraum erklärt. Während die Klappergrasmücke als typischer Heckenbewohner ihren Nistplatz bei Störungen "heimlich" verlässt und anfliegt, verlässt die Amsel ihr Nest bei Störungen mit lauten Warnrufen oder wartet ruhig in der Deckung. Angriffe, wie sie beispielsweise Wacholderdrosseln erfolgreich gegen Krähenvögel führen, sind von Amseln nicht bekannt.

      Da viele Gehölze zur ersten Brut noch nicht belaubt sind, wird diese, ebenso wie Balkonbruten, nicht nur vom Beobachter, sondern auch von Krähenvögeln leicht entdeckt. Abhilfe im Sinne der Elstern- und Krähengegner könnte eine deckungsreichere Wildnis in der Stadt leisten. Die Verbreitung der Singvögel würde dadurch gefördert. Doch die Natur ist kein statisches System. Mit der Elster hat auch der Habicht, ihr natürlicher Gegenspieler, in Berlin zugenommen. Und auch Elster und Nebelkrähe leben nicht verträglich im selben Revier: Es kommt zu Rivalitäten, die das Abwandern einer Art, meist der unterlegenen Elster, zur Folge hat.

      Gerade den Nestern der Nebelkrähe kommt eine wichtige Schlüsselfunktion in unserer Kulturlandschaft zu. Sie sind nach dem Ausfliegen der Jungvögel als Nistplatz für andere Arten, die selbst keine Nester bauen, unverzichtbar. So nutzen zum Beispiel Waldohreule und Turmfalke diese Nester zur Brut und auch der in Berlin und Brandenburg vom Aussterben bedrohte Baumfalke legt seine Eier in Krähennester. Auch das ist ein praktischer Grund, der gegen das Ausschießen der Nester spricht, abgesehen vom Naturschutzgesetz. Denn gemäß des Naturschutzgesetzes gehören Krähenvögel, wie alle europäischen Vogelarten, zu den besonders geschützten Vogelarten. Daraus ergibt sich das Verbot, den wild lebenden Tieren und besonders geschützten Arten "nachzustellen, sie zu fangen, zu verletzen, zu töten oder ihre Entwicklungsformen, Nist-, Brut-, Wohn- oder Zufluchtsstätten der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören".

Neben Elster und Nebelkrähe gibt es in Berlin aber noch vier weitere Arten, die zu den Krähenvögeln gehören:
      Auch der Kolkrabe konnte in den vergangenen Jahren seinen Brutbestand auf derzeit 15 bis 20 Brutpaare in Berlin erhöhen. Noch fordert hier niemand seine Reduzierung, aber eine sachliche Aufklärung erscheint auch hier angeraten, wie Beispiele aus anderen Bundesländern zeigen: Dort wurde der Kolkrabe schon für den Tod von Kälbern und Schafen auf der Weide verantwortlich gemacht. Behauptungen, die bei genauerer Untersuchung nicht aufrecht zu halten waren.

Nebelkrähen

Nebelkrähen / Foto: Herrmann

Der vorwiegend Wälder und größere von Bäumen geprägte Siedlungsgebiete besiedelnde Eichelhäher hat gegenwärtig mit 1.200 Paaren einen leicht zunehmenden Brutbestand. Anders sieht es bei Dohle und Saatkrähe aus. Wenn sich deren Bestände weiterhin so negativ wie in den vergangenen zehn Jahren entwickeln, könnten sie bald nicht mehr zu den Berliner Brutvögeln gehören. Noch nisten etwa 140 Dohlen- und 170 Saatkrähenpaare in Berlin, jedoch mit sehr geringer Nachwuchsrate.

      Bei den im Winterhalbjahr zu beobachtenden großen Krähenschwärmen handelt es sich um Saatkrähen und Dohlen aus Ost- und Nordeuropa. Deren Anwesenheit hat keinen Einfluss auf unsere Singvogelbestände, da sich diese Schwärme zur Brutzeit bereits wieder in ihren heimatlichen Gefilden befinden. Eine Forderung nach Bestandsreduzierung ist daher auch hier nicht gerechtfertigt.

      Untersuchungen der Berliner Brutvogelwelt durch die Berliner Ornithologische Arbeitsgemeinschaft (BOA) zeigen, dass die Brutbestände der als Nahrung in Frage kommenden Freibrüter, wie Amsel und Grünling, gleich bleiben oder sogar zunehmen. Bisher gibt es keinen fachlich begründbaren Hinweis, dass der Bestand anderer Vogelarten durch die Anwesenheit der Krähenvögel in Berlin reduziert oder gar gefährdet wird. Die Abneigung mancher Menschen gegenüber Krähenvögeln ist eher das Ergebnis, wenn Emotionen unser naturkundliches Wissen überragen. Verluste sind im Tierreich eingeplant, sei es durch Witterungsereignisse oder Fressfeinde. Um Verluste auszugleichen, haben die meisten Freibrüter eine höhere Nachwuchsrate als für den Bestandserhalt nötig. Geht eine Brut verloren, etwa durch Krähenvögel, sind Freibrüter in der Lage, Ersatz- oder Nachgelege zu produzieren. Viele Arten zeitigen ohnehin zwei bis drei Jahresbruten - ein Überschuss, der in der Nahrungskette Natur gebraucht wird. Jedem ist bekannt, dass ein Vogeljunges zum Heranwachsen auf Nahrung angewiesen ist. Es ist verständlich, dass es manch einen stärker berührt, wenn eine Elster mit einem Jungvogel im Schnabel davon fliegt. Anders erscheint es, wenn eine Amsel einen Regenwurm aus dem Rasen zieht. Wer würde wohl auf die Idee kommen, die Reduzierung der Amseln zu fordern, nur weil sie und ihre Jungen Regenwürmer fressen?

Jens Scharon
Der Autor beschäftigt sich seit
1976 mit der Berliner Vogelwelt
und ist Artenschutzreferent
beim Landesverband Berlin

*Dieser Beitrag ist erstmals im Berlin-Brandenburger Naturmagazin 4/2002erschienen.

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