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Maulwürfe in der Stadt

Der Feind unter unserem Rasen

Auf dem Golfplatz Gatow geht es großflächig dem Maulwurf an den Kragen - und sicherlich bald auch anderswo

Golfplatz Gatow

Golfplatz Gatow

Der Golfplatz in Gatow, eine 66 Hektar große 18-Loch-Anlage zwischen altem Flugplatz und Havel – 1969 von den Briten als British Golf Club of Gatow begründet und nach deren Abzug von den Berlinern übernommen und unter Berücksichtigung auch explizit ökologischer Kriterien ausgebaut –, bringt für den kleinsten Berliner Stadtteil mit dem ländlich-dörflichen Charme nicht nur eine touristische Attraktion und wirtschaftlichen Vorteil, sondern bot bis vor einigen Jahren sommers sogar einer Kolonie von um die 100 Uferschwalbenpaaren ein Zuhause. Hier spielen zudem keine Snobs wie im Grunewald, die hauptsächlich gesehen werden wollen, sondern man sieht sich in britischer Tradition, wo Golfen schließlich ein naturnaher Volkssport ist. – Doch wenn sich statt der Schwalben nur mehr schnöde Maulwürfe einstellen, ist erst einmal Schluss mit ökologisch!

Der europäische Maulwurf (Talpa europaea) - Ein Exkurs

Maulwurf

Zu sehen bekommt man die ungeliebten, vorwiegend unter der Erde in ihren Gängen lebenden Säuger freilich nur selten. Am auffälligsten sind ihre Hügel, die Maulwurfshaufen, die entstehen, wenn der durch das Graben der Gänge anfallende Erdaushub an die Oberfläche befördert wird. Die Öffnungen dienen der Belüftung und gewähren ab und zu den meist unermüdlich Grabenden einen Blick über die Erdoberfläche.

Hat man das Glück, einen dieser sich hauptsächlich von Regenwürmern, aber auch verschiedenste Bodenarthropoden ernährenden Insektenfresser zu sehen, dann fallen die sehr kleinen, im Fell versteckten Augen kaum auf. Sie sind an den Lieblingsaufenthalt des Maulwurfs, die unterirdischen Gänge, angepasst und vor eindringenden Fremdkörpern besonders geschützt. Sehen können die Tiere gleichwohl. Die rüsselartige Ausbildung ihrer Schnauze dient ebenfalls als "Schmutzschutz". Der verlängerte Oberkiefer "überdacht" den Mund und verhindert eine übermäßige Aufnahme von Erde. Am beeindruckendsten sind die schaufelförmigen Vorderpfoten, ideale Grabwerkzeuge. Die sind auch notwendig, variiert doch die Reviergröße je nach Beschaffenheit der Böden und des Nahrungsangebots erheblich: Reichen im Weideland mitunter schon 300 Quadratmeter aus, nehmen Reviere in ärmeren Böden durchaus 5000 Quadratmeter Fläche in Anspruch. Pro Tag können, meist in Tiefen bis 40 Zentimeter, Gänge von über 20 Metern gegraben werden, dabei auftretende Kräfte das 24fache des Körpergewichts übertreffen und pro Meter über drei Kilo Erdaushub anfallen. An manchen Tagen immerhin wird nicht gearbeitet, das Gangsystem vom Männchen jedoch regelmäßig abgewandert und markiert.

Hügel des Anstoßes

Maulwurfshaufen

Eben an den in unkrautreinem Rasen besonders provozierenden Haufen scheiden sich seit je die Geister. Und auf einem Golfplatz schränken sie selbstredend sogar die ordnungsgemäße Nutzung ein!
      Da es sich jedoch, was allzu leicht in Vergessenheit gerät, beim Maulwurf um eine nach dem Bundesnaturschutzgesetz besonders geschützte Art handelt, kann man ihm ohne amtliche Genehmigung nicht zu Leibe rücken. Diese Befreiung von den Verboten des Gesetzes wurde namens des Berliner Golf Clubs Gatow e. V. bei der zuständigen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auch beantragt und – von dieser prompt genehmigt: "...ist es Ihnen gestattet, ...die...in Gangsystemen lebenden Maulwürfe mittels Begasung zu bekämpfen, soweit dies zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebes unumgänglich ist", heißt es in der Befreiung.

      Die Bekämpfung soll mit Aluminiumphosphid erfolgen, einer Verbindung, die giftige Gase entwickelt und vor allem wassergefährdend ist, wie es auf der Website eines Toxikologen der Notfallmedizin steht. Die Gase werden beim Kontakt mit der Bodenfeuchtigkeit freigesetzt. Das hochtoxische und nicht spezifisch wirkende Phosphin tötet nahezu alle höheren tierischen Lebewesen im Boden. Durch die Zersetzung im Boden entstehen gasförmige Phosphane, die, wenn sie in die Atmosphäre gelangen, stark verdünnt werden und somit nicht mehr nachweisbar sind, andererseits zu ungiftigen stabilen Aluminiumverbindungen als Endsubstanz reagieren. Im Boden verweilen die Phosphane zwischen 24 Stunden und sieben Tagen. Nach der Fachmeinung ist zwar keine Gefährdung für das Grundwasser bekannt, im Bereich von Oberflächengewässern jedoch darf der Wirkstoff Aluminiumphosphid nicht eingesetzt werden. Die Ausbringung darf nur Fachpersonal vornehmen.

Für friedliche Koexistenz

Maulwurf

Schlimme Aussichten

Es gibt ja nun durchaus Menschen, die den Maulwurf mitsamt seinem Verhalten als naturgegeben hinnehmen, so wie man im Frühjahr die singende Amsel erträgt, die zur Unzeit um vier Uhr morgens den Tag ankündigt, oder die Bäume mit ihrem fallenden Laub im Herbst, obwohl man es häufig entfernen muss. Und wo Böden vorhanden sind, wo man Gärten, Rasen oder Grünanlagen anlegen kann, da fühlen sich halt auch Maulwürfe wohl. Selbst auf kleinsten und verinselt erscheinenden Grünflächen im Stadtgebiet finden sich die Zeugnisse ihres Wirkens. Warum aber nicht den Maulwurf als Bereicherung unserer Natur empfinden? Völlig vergrämen kann man ihn ohnehin nicht, wie unlängst in der ARD-Reportage "Der Feind in unserem Garten" zu sehen war. Und was hat man nicht alles ersonnen, um diesen ungebetenen Gast loszuwerden! Warum kann es nicht angehen, unliebsame Maulwurfshügel, beispielsweise auf einem Sport- oder, wie in Gatow, einem Golfplatz, regelmäßig zu beseitigen, so wie man den Rasen mäht und wässert, die Hecken verschneidet oder die nötigen Markierungen erneuert? Eben eine notwendige Tätigkeit unter anderen.

      "Auch wenn die Bekämpfung des Maulwurfs in Gatow im Rahmen der zulässigen fachlichen Praxis erfolgt: Muss das wirklich sein," fragt daher Jens Scharon, Artenschutzreferent beim NABU Berlin, "und vor allem, bleibt es ein Einzelfall? Ist es einem Golfplatzbetreiber nicht zuzumuten, die störenden Hügel mechanisch einzuebnen? Zumal es sich hier um ein Hobby, eine Freizeitbeschäftigung handelt, zu deren Ausführung eben auch die angemessene Pflege des Golfplatzes gehört." Und Scharon fragt weiter: "Wie wird man erst verfahren, wenn die Maulwurfshügel die Leistung der Messer der kommunalen Rasenmäher einschränken?"

———
Nachtrag
Über andere Jagdmethoden und ihre möglichen Konsequenzen berichtete derweil die Morgenpost am 12.1.07. – Auch unterm Golfplatz Gatow wollte der frenetische Jubel lange nicht abebben...

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