Berlin.NABU.de Projekte Vogel des Jahres Der Turmfalke
Der Turmfalke
Der Vogel des Jahres 2007
Der Turmfalke
Der Turmfalke / Foto: Meng
In Berlin gilt dem Turmfalken (Falco tinnunculus), ein mit rund 35 Zentimetern Größe und einer Spannweite von 75 Zentimetern eher kleiner Greifvogel, der im Flug an seinen spitzen Flügeln und dem charakteristischen Rütteln erkennbar ist, seit langem die besondere Aufmerksamkeit von Naturschützern. Mitarbeiter der AG Greifvogelschutz Berlin/Bernau im NABU untersuchen seit Mitte der 80er Jahre verschiedene Fragen zu Vorkommen und Lebensweise der Art im Rahmen des Forschungsprojektes "Monitoring für Greifvögel und Eulen Europas" der Martin-Luther Universität in Halle. Der ehemals Westberliner Teil der Untersuchungsfläche umfasst 480 Quadratkilometer; eine weitere Fläche von 10 Quadratkilometern Größe gibt es in Marzahn.
Dieses Turmfalkenweibchen trägt einen roten Farbring von Kupko / Foto: Masternack
"Derart umfangreiche Untersuchungen zum Turmfalken gibt es in keiner anderen deutschen Großstadt; europaweit hat nur Warschau ein ähnliches Monitoringprogramm," erläutert Stefan Kupko, Mitarbeiter der AG Turmfalken. Der Turmfalke brütet in Berlin bevorzugt an Gebäuden wie Kirchtürmen oder Hochhäusern; nach Schätzungen der Berliner Ornithologen sind es regelmäßig zwischen 180 und 240 Paare. In diesem Jahr könnte ihre Zahl wegen des langen Winters allerdings auch unter 200 liegen.
Turmfalken kommen in der ganzen Stadt vor, besonders in den stark bebauten Stadtteilen ist die Besiedlungsdichte hoch. Dort, wo die dichte Bebauung die Jagd auf Bodentiere erschwert, ernährt sich der Turmfalke hauptsächlich von Kleinvögeln, beispielsweise Spatzen. Beliebt bei Turmfalken sind zudem Hochhaussiedlungen wie Marzahn, wo allein 25 Paare alljährlich ihre Brutplätze unter den Dächern der Plattenbauten beziehen.
Bekannte ebenso wie potentielle Brutreviere, aktuell und ehemals belegte Nistkästen und Brutplätze werden durch die Bearbeiter im Rahmen des Monitoringprogramms regelmäßig, insbesondere aber zur Brutzeit kontrolliert. Die Jungvögel werden beringt und eventuell vorhandene Ringe bei Altvögeln abgelesen; neben anderen Parametern wird der Zustand der Brutplätze, etwa mögliche Gefährdung durch Gebäudesanierung, erfasst. "Weit mehr als die Hälfte der brütenden Turmfalken stammt aus Berlin und wurde hier von uns beringt", so Stefan Kupko.
Bewag-Kasten / Foto: Scharon
Die im Zuge der Untersuchung gewonnenen Erkenntnisse sind Grundlage eines Artenhilfsprogrammes für Berliner Turmfalken. Im Jahr 2006 waren im Stadtgebiet 320 Nistkästen installiert, die gerne angenommen werden: Mehr als 70 Prozent der Berliner Turmfalkenpaare bezieht inzwischen die von Menschenhand bereit gestellten Kinderstuben!
Prominente Gebäude, wie die Rathäuser von Schöneberg, Pankow, Neukölln und Charlottenburg, sind mit Nistkästen versehen, und auch Vattenfall zeigt sich dem Artenschutz aufgeschlossen: Nistkästen für Turmfalken am Kraftwerk Steglitz oder an Hochspannungsmasten in Pankow oder Marzahn zeugen davon.
Die konsequente Forschungstätigkeit der AG Turmfalken im Naturschutzbund, begleitet von Öffentlichkeitsarbeit und umfangreichen Hilfsmaßnahmen, hatte großen Erfolg: Seit Anfang der 80er Jahre hat der Bestand der Turmfalken in Berlin um 40 Prozent zugenommen!
S. Kupko beim Falken-Wiegen Foto: Strukow-Hamel
Dies liegt nicht zuletzt auch an der Versorgung hilfloser oder verletzter Tiere in der Turmfalkenstation Steglitz. Hier kümmert sich Stefan Kupko gemeinsam mit einer Schüler-AG der Paulsen-Oberschule um Tiere, die ggf. nach vorheriger veterinärmedizinischer Behandlung in der Tierklinik Düppel zur Rehabilitation in der Station untergebracht sind.
"Die Probleme unserer Pfleglinge sind vielfältig", erklärt Stefan Kupko. "Verkehrsunfälle, auch mal ein Zusammenprall mit einem Flugzeug kommen vor; besonders häufig sind aber Verletzungen und Traumata durch Scheibenanflug oder Entkräftung der Tiere infolge Nahrungsmangels. Auch wenn sich ein Turmfalke in ein Gebäude verfliegt, wie im September einem Turmfalken im Amtsgericht Tiergarten geschehen, sind wir zur Stelle, um zu helfen."
Die Turmfalkenstation gibt es seit mittlerweile 30 Jahren. Die Erkenntnisse aus dem "Stationsalltag" fließen in das Monitoring und Artenhilfsprogramm für die Berliner Turmfalken ein.
"Wenn Sie Brutplätze von Turmfalken kennen und besonders, wenn diese etwa wegen einer bevorstehenden Gebäudesanierung in Gefahr sind, wenden Sie sich bitte an den Naturschutzbund", appelliert Stefan Kupko an die Berliner Bürgerinnen und Bürger. "So können Sie helfen, die Erfolgsstory des Turmfalken in Berlin weiter zu schreiben."
telefonisch unter 030-986 08 37-0 melden
oder per E-Mail: lv.berlin@nabu-berlin.de.
Ausstellungseröffnung im Rathaus Zehlendorf
Über Voraussetzungen erfolgreichen Artenschutzes
Baustadtrat Stäglin
Zur Eröffnung der NABU-Ausstellung "Der Turmfalke Vogel des Jahres 2007" am 2. April im Foyer des Rathauses Zehlendorf dankte der Bezirksstadtrat für Bauen, Stadtplanung und Naturschutz, Uwe Stäglin, den engagierten Naturschützern seines Bezirkes, insbesondere Ludwig Schlottke und Stefan Kupko (Foto). Bereits in den 1970er Jahren begannen die beiden Ornithologen in Steglitz mit einem Artenhilfsprogramm für Turmfalken, deren Nistplätze an Gebäuden im Stadtgebiet durch die umfangreichen Sanierungsmaßnahmen zunehmend bedroht waren.
Rainer Altenkamp
Der Gartenbauingenieur Ludwig Schlottke, Mitarbeiter der Naturschutzbehörde Zehlendorfs, trug maßgeblich zur Ausweitung der Aktion auf Zehlendorf sowie andere Bezirke bei. Stefan Kupko leitet gemeinsam mit einer Schüler-AG die Turmfalken-Pflegestation an der Steglitzer Paulsen-Oberschule. Beide Ornithologen bearbeiten wissenschaftliche Fragen im Rahmen des Greifvogel-Monitorings der Universität Halle.
"Für mich als Baustadtrat ist auch der Turmfalke Thema", betonte Stäglin und machte sein Problembewusstsein hinsichtlich Gebäudesanierungen oder auch Taubenabwehmaßnahmen deutlich, die trotz gesetzlicher Regelungen zum Schutz von Gebäudebrütern auch die Brutplätze der Turmfalken immer wieder gefährden. "Ich hoffe, die Ausstellung zum Vogel des Jahres regt viele Zehlendorfer Bürgerinnen und Bürger an, sich intensiver mit den Themen Natur- und Vogelschutz zu beschäftigen", sagte der Bezirksstadtrat und wünschte der Ausstellung "eine gute Wanderung" durch die Stadt.
Rainer Altenkamp, 2. Vorsitzender des NABU Berlin und Leiter der AG Greifvogelschutz Berlin/Bernau, schloss weitere Ausführungen zum Turmfalken an. "Klein, aber sexy" sei dieser nur taubengroße Greifvogel, der sich besonders gut an Großstadtbedingungen anpasse. Seine hauptsächliche Diät aus Mäusen und Kleinvögeln bereichert der Turmfalke nach Erkenntnissen Stefan Kupkos hier auch schon mal mit Resten von Döner Kebab oder Wiener Schnitzel.
Da er als Felsenbrüter kein eigenes Nest baut, im Flachland vorwiegend die Niststätten von Krähenvögeln nutzt und in Siedlungsbereichen die "Kunstfelsen" menschlicher Behausungen, sei er auch offen für Hilfsangebote aus Menschenhand. Im Zuge des Brutplatzmanagements der AG Turmfalken, einer Gruppierung innerhalb der schon erwähnten AG Greifvogelschutz, sind inzwischen über 300 Nistkästen in der Stadt installiert worden, aus denen bisher über 6000 Jungfalken ausflogen! Um Naturschutz in der Stadt so erfolgreich zu betreiben, braucht es mehrere Voraussetzungen, so Altenkamp, nämlich fachkundige Naturschützer, die effektive Hilfsmaßnahmen entwickeln; Behörden wie jene in Steglitz-Zehlendorf, die bereit sind, solche Maßnahmen zu unterstützen und schließlich beharrlichen ehrenamtlichen Einsatz, sie umzusetzen und kontinuierlich zu betreuen. Diese Bedingungen kamen in Steglitz-Zehlendorf zusammen, so dass der Bezirk maßgeblich dazu beitragen konnte, dass die weltgrößte Urbanpopulation des Turmfalken in Berlin lebt.
03.04.07
Ausstellung zur Ausleihe...

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