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Turmfalken in Berlin

Turmfalken in Berlin

Eine Erfolgsstory des Artenschutzes

Turmfalke

Der Turmfalke

In keiner anderen deutschen Stadt gibt es so viele Turmfalken wie in Berlin. Etwa 180 bis 250 Turmfalkenpaare brüten hier jährlich. Damit ist der Turmfalke die häufigste Greifvogelart Berlins, vor Habicht und Mäusebussard. Dass der Turmfalke als ursprünglicher Felsbrüter die Nähe des Menschen nicht scheut, ist auch aus anderen Städten Europas bekannt. In Berlin wurden bereits in den 1930er Jahren Bruten beschrieben, unter anderem am Westhafen. Nach dem Krieg brüteten Turmfalken in beschädigten Gebäuden und Ruinen oder - damals noch sehr zahlreich- in den Überresten der Berliner Wälder. Dort beobachtete sie Dr. Dietrich Fiuczynski bereits von 1955 bis 1967. Er stellte fest, dass ihre Zahl von anfangs 36 Brutpaaren mit zunehmender Aufforstung der Wälder auf 8 Brutpaare zurück ging. In den 1970er Jahren waren die Falken dann fast vollständig aus den Wäldern verschwunden, bis auf wenige Ausnahmen an deren Rändern.

Und auch im bebauten Stadtgebiet wurde ein starker Rückgang registriert. Ursache waren die Stadtsanierung und die systematische Sicherung von Gebäuden vor Tauben. Denn wie alle Falken bauen Turmfalken keine Nester, sondern nutzen Hohlräume, Mauern oder Fensternischen als Brutplatz. Dank ihrer enormen Anpassungsfähigkeit gelang es den Tieren trotzdem in Krähen- oder Taubennestern, alten Lüftungsrohren, Baumhöhlen, offen gebliebenen Mauerlöchern und sogar in Blumenkästen auf Balkonen zu brüten. So konnte sich die Art, wenn auch in geringer Zahl, in der Stadt halten.

Um den Abwärtstrend aufzuhalten, begannen verschiedene Privatpersonen zunächst an Kirchen und anderen Gebäuden, vor allem im Bezirk Steglitz, Nistkästen für Turmfalken zu installieren, die schnell angenommen wurden. Mitte der 1980er Jahre handelte man in den anderen westberliner Bezirken entsprechend.
Im Ostteil der Stadt wurden insbesondere in der Feldflur aus Mangel an Krähennestern Turmfalkenkästen angebracht. Aber auch in den Ostberliner Stadtbezirken wurden durch Abwehrmaßnahmen gegen Tauben viele infrage kommende Turmfalkenbrutplätze verschlossen und der beginnende Sanierungsboom nach der Wende tat ein Übriges, so dass auch hier vermehrt künstliche Nisthilfen eingebaut wurden.

Turmfalke

Innerhalb der AG Greifvogelschutz, die im Ostteil Berlins 1984 gegründet wurde und nach der Wende dem NABU Landesverband Berlin beitrat, wurde eine Fachgruppe für Turmfalken etabliert.
Unter anderem war ihr Ziel, durch ein groß angelegtes Artenhilfsprogramm im gesamten Stadtgebiet Nistkästen für Turmfalken anzubringen. Mehr als 320 Nisthilfen wurden installiert. 70 % der Berliner Turmfalkenbruten finden derzeit in diesen Kästen statt, rund 6 000 Jungvögel wurden bisher großgezogen.

Das Projekt wird fast ausschließlich ehrenamtlich und meist aus privaten Mitteln der AG-Mitglieder organisiert und durchgeführt.
Unterstützung kommt von einigen Wohnungsbaugesellschaften, z.B. GESOBAU, DEGEWO oder der Wohnungsbaugesellschaft Marzahn. Und natürlich profitieren die Falken auch von der Bereitwilligkeit vieler Gebäudeeigentümer, Nistkästen einbauen zu lassen.
Doch es werden nicht nur neue Nistkästen gebraucht, die vorhandenen Nistplätze müssen regelmäßig auf ihren Erhaltungszustand kontrolliert werden.
Darüber hinaus wird das Projekt durch eine breite Öffentlichkeitsarbeit begleitet: Führungen zu den Brutplätzen, Vorträge oder Publikationen in den Medien.

In der Steglitzer Paulsen-OS befindet sich die Pflegestation für Turmfalken. In Kooperation mit der Tierklinik der Freien Universität werden hier jährlich 20 bis 40 Turmfalken versorgt, die verletzt oder geschwächt sind und hilflos im Stadtgebiet aufgegriffen werden. Für all diese Maßnahmen erhielt die AG Greifvogelschutz 1999 den Berliner Umweltpreis.

Neben der praktischen Naturschutzarbeit wird aber auch geforscht. Denn längst nicht alles ist über das Leben der städtischen Falken bekannt. Zwar schreitet die Urbanisierung vieler Vogelarten ständig voran, - für Berlin sind 178 Brutvogelarten bekannt, wobei rund 130 regelmäßig vorkommen- doch über das städtische Leben der Vögel, ihre Anpassungsmechanismen, Inselpopulationen, ökologische Fallen oder auch Belastungen mit Schadstoffen ist nur wenig bekannt.

Turmfalke rüttelnd

Die Untersuchungen der AG erfolgen in Zusammenarbeit mit der Vogelwarte Radolfzell (Bodensee) im Rahmen eines Beringungsprogramms und über ein an der Martin-Luther - Universität Halle laufendes Monitoringprogramm für Turmfalken auf den Kontrollflächen Marzahn und Berliner Westbezirke. Fünf Mitglieder der AG kontrollieren alljährlich ihre Kontrollflächen und so konnten in über 20 Jahren jede Menge Ergebnisse erzielt werden.
Die Kontrollfläche Berlin-West ist eine der wenigen und die größte städtische Untersuchungsfläche für Turmfalken in Europa!

Der größte Teil der in Berlin brütenden Turmfalken stammt auch aus Berlin, es gibt nur wenig Zuzug aus dem Umland. Eine interessante Erkenntnis, die durch die Beringung von mehr als 5000 Jungfalken seit 1986 erlangt werden konnte.
Erforscht werden konnten Lebensalter der Brutvögel (Ø 2-3 Jahre), Bruterfolg (in Nistkästen höher! Ø 4 Jungvögel pro Brut), jährliche Bestandsdichte sowie Verlustursachen (Krankheiten, Unfälle).

Das Artenhilfsprogramm ist ein riesiger Erfolg!
Die Anzahl der Brutpaare hat sich seit Beginn des Projekts verdoppelt, in weiten Teilen Berlins ist das Brutplatzangebot heute sehr gut und der Bestand insgesamt ist gesichert und stabil (ausgenommen natürliche Bestandsschwankungen).
In einigen Bezirken Ostberlins gibt es trotzdem durchaus noch Handlungsbedarf, ist der Sanierungs- und Abrissboom hier noch längst nicht abgeschlossen und noch Potential an Niststätten vorhanden.

Und doch ist noch immer unser Wissen über das urbane Leben der Falken begrenzt. So ist anhand von Schadstoffanalysen noch zu klären, ob es wirklich allen Falken in Berlin gleich gut geht. Telemetriestudien könnten exakte Ergebnisse zum Jagdverhalten und der Lebensweise von Falken liefern. Genanalysen würden schließlich die Frage beantworten, ob sich bei den Berliner Falken bereits Veränderungen gegenüber ihren Artgenossen vom nachweisen lassen.
Forschungsarbeit, die sich doppelt auszahlt: Mit seiner Stellung an der Spitze der Nahrungskette gibt der Turmfalke Rückschlüsse auf den Zustand anderer in der Stadt lebender Artengruppen preis.

Stefan Kupko

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