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Winterfütterung - aber richtig!
Winterfütterung - aber richtig!
Vogelschutz verlangt natürlich mehr
Kohlmeise an Futterknödel / Foto: Rolf Jürgens
Der Winter ist da! Höchste Zeit die Futterhäuschen zu füllen, damit die hungrigen Vögel gut über den Winter kommen? Nicht unbedingt, doch um unsere Wintervögel aus nächster Nähe zu erleben und Artenkenntnisse zu erwerben, ist die Winterfütterung eine schöne Sache. Wie es richtig geht und was man noch für den Vogelschutz tun kann, erfahren Sie hier.
Sonnenblumen-, Erdnusskerne und Meisenbälle sind schon seit September unübersehbar im Angebot von Gartencentern und Drogerien. Bei winterlichem Wetter greifen nun immer mehr Menschen zu. Denn das reichhaltige Futterangebot lockt Meisen, Spatzen, Grünfinken, Amseln, manchmal sogar Rotkehlchen, Stieglitz, Zeisig, Kernbeißer, Eichelhäher und Buntspecht zum Futterhäuschen in den Garten oder auf den Balkon. Dort werden sie schon mit Spannung und Freude erwartet, denn fast nirgends kann man wilde Vögel so bequem, ausgiebig und aus nächster Nähe beobachten wie vom Fenster in der warmen Stube aus. Für Kinder, kranke und alte Menschen haben solche Naturerlebnisse besonderen Wert.
Doch damit das Füttern nicht mehr schadet als nützt, sind freilich einige Dinge zu beachten (s. u.).
- Das Futter vor Regen schützen und so anbieten, dass die Vögel nicht im Futter sitzen und es durch Kot verschmutzen können, um die Übertragung von Krankheiten zu vermeiden. Gut geeignet sind röhrenförmige Futtersilos. (Diese können auch über den NABU-Shop bezogen werden.)
- Kein Brot oder salzhaltige Mahlzeitreste anbieten.
- Das Futterhäuschen so anbringen, dass die Vögel freie Sicht in ihre Umgebung haben. So können sich Katzen nicht unbemerkt anschleichen.
Notwendig für den Erhalt unserer Vogelwelt ist die Winterfütterung nicht. Die heimischen Vögel sind bestens an die kalte Jahreszeit angepasst. Für Körnerfresser ist der Tisch noch gut gedeckt, die im Herbst gereiften Birken- und Erlensamen, Fichtenzapfen, Eicheln, Bucheckern, Früchte, Beeren und die Samenstände der Stauden sind auch bei dünner Schneedecke zu finden. Die Insektenfresser unter den Vögeln haben so erfolgreiche Suchmethoden, dass sie überwinternde Kerbtiere auch in deren Verstecken (in Rinden- und Erdspalten, im morschen Holz oder im Falllaub) finden. Andere Insektenfresser stellen sich auf Körnernahrung um oder leben auch von Obst und Beeren. Die Vogelarten, die sich nicht umstellen können, wie z. B. Mauersegler und Schwalben, haben uns jetzt längst verlassen und überwintern im warmen Süden.
Rotkehlchen / Foto: Norman Schiwora
Für die Vogelwelt in unserer Stadt ist dennoch jede Hilfe sehr erwünscht, denn manche ehemals häufige Arten werden stetig seltener (z. B. die Haubenlerche).
"Freiflächen und naturnahe Gebiete sind die Grundlagen der Vogelartenvielfalt in Berlin. Wer für naturnahe Waldwirtschaft eintritt oder nicht gerechtfertigte Baumfällungen im Stadtgebiet verhindert, erreicht mehr für die Vögel, als wenn er regelmäßig gekauftes Futter anbietet," sagt die Leiterin der Naturgartengruppe im NABU, Karla Paliege. "Vögel kommen dort gut über den Winter, wo im Garten Falllaub liegen gelassen wurde und die Samenstände der abgeblühten Stauden zu finden sind, wo manches Obst, Hagebutten, Ebereschen- und andere Beeren noch an den Sträuchern und Bäumen hängen. Und hier kann man unsere gefiederten Freunde auch sehr gut beobachten."
Über das Füttern der Vögel im Winter
Warum erwacht bei vielen Menschen das Interesse, Wildtieren zu helfen, immer erst zu dieser Jahreszeit?
Gimpel / Foto: Scharon
...Weil es sehr einfach ist, in den Laden zu gehen, Körnerfutter oder Ringe einzukaufen und dann auszustreuen bzw. aufzuhängen. Auch der NABU bietet in seinem Shop ganz spezielles Winterfutter mit hoher Nährwertbilanz und optimalem Ölgehalt an. Benutzt man dann noch sogenannte "Futterautomaten", wo das Futter vor Nässe geschützt ist und nicht mit Kot verunreinigt werden kann, ist bei der Winterfütterung eigentlich nichts mehr falsch zu machen. – Und kaum hat man das Futter ausgestreut, die Meisenknödel oder Körnerautomaten aufgehängt, fängt auch schon das bunte Getümmel dicht vor unserem Fenster an. – Was gibt es Schöneres als die possierlichen Tiere aus der Nähe zu beobachten?
Was kann man für Argumente gegen dieses nicht selten zu einer Obsession werdende Vergnügen vorbringen, wenn es mit verantwortungsvollem Handeln einhergeht und den Tieren nicht schadet?
Eigentlich keine, es sei denn die Frage, warum sich Vogelschutz oft in der Fütterung im Winter erschöpft und nicht auch das übrige Jahr hindurch mit so viel Herz und Verstand betrieben wird.
Vogelschutz ist mehr!
Wacholderdrossel / Foto: Scharon
Naturschutz- und Artenhilfsmaßnahmen für Vögel – auch für bedrohte Arten – bestehen nie aus Zufütterungen, sondern beinhalten in erster Linie Landschaftsveränderungen zur Schaffung von Brut- und Nahrungsgebieten.
Wir werden nicht müde zu sagen: Wir helfen den Wildvögeln weit mehr, indem wir ganzheitlich denken und Lebensräume erhalten!
Ganzjährig wichtig ist der Erhalt von Strukturen wie Hecken und Gebüsch aus heimischen frucht- und samentragenden Pflanzenarten sowie Langgraswiesen und Stauden, wo Körnerfresser Samen und Insektenfresser Larven und andere Wirbellose finden – und vor allen Dingen Brutplätze im Sommer!
In der Laubstreu und den darunter liegenden Bodenschichten finden unsere Vögel ebenfalls reichlich Nahrung, weswegen wir in den Gärten das Laub liegen lassen und im Winter die Kompostplätze von Schnee freifegen sollten. Schauen Sie selbst, ob es in Ihrer Umgebung solche Strukturen gibt. Oder wird im Gegenteil der Rasen stets bis in die hinterste Ecke kurz gehalten; "Unkraut" an Weg- und Zaunrändern und in den Plattenfugen gnadenlos vernichtet? Prägen heimische fruchttragende Sträucher das Bild oder werden sie von "Koniferengulasch" verdrängt? Bleibt das Laub liegen oder verschwindet es komplett (und womöglich noch via Laubsauger) in der Biotonne? Werden die Hecken alle zur gleichen Zeit geschnitten oder zeitlich versetzt, wie es angebracht ist? Gibt es gar Obstbäume, an oder unter denen noch einige Äpfel oder Birnen für Wintervögel hängen oder liegen gelassen wurden? – Uns ist nur zu gut bekannt, wie schnell sich manche echauffieren, wenn Höfe und Parkanlagen nicht ordentlich "aufgeräumt" und "gesäubert" werden.
Der Griff zur Futtertüte jedenfalls ist da ungleich leichter als sich für die naturnahe Gestaltung und Pflege von Grünanlagen einzusetzen bzw. im eigenen Garten damit ernst zu machen und die Ansprüche unserer Vogelwelt zu berücksichtigen.
Vogelfutter selber sammeln
Rotkehlchen / Foto:.Willner
Auf alle Fälle vermag man den natürlichen Ernährungsgewohnheiten von Wildvögeln besser zu entsprechen, wenn man im Sommer und Herbst selber Futter sammelt, vielleicht gemeinsam mit Kindern allerlei Sämereien, Früchte und Fruchtstände heimischer Bäume (Samen aus Kiefern-, Tannen- oder Erlenzapfen, Bucheckern, Birken- und Ahornsamen, Apfel-, Birnen-, Kirsch- und Pflaumenkerne, Ebereschenbeeren, Walnüsse), Sträucher (z. B. Haselnüsse, Holunderbeeren, Liguster, Mehlbeere, Schneeball, Pfaffenhütchen, Weißdorn, Hagebutte), Gräser, Stauden, Blumen und Getreide (etwa Hirse, Disteln, Kletten, Vogelmiere, Nachtkerze, Ampfer, Melde, Knöterich, Heidekraut, Wegerich, Hirtentäschel, Mohn, Löwenzahn oder Korbblütler). Die gesammelten Fruchtstände sollten zusammengebunden und fest fixiert werden, damit die Vögel gut daran picken können. Auch Melonen- und Kürbiskerne oder Haferflocken können Sie füttern. Und für die Aussaat von Sonnenblumen mit ihren bei Spatzen oder Grünfinken sehr beliebten ölhaltigen Kernen ist Raum auf dem kleinsten Balkon.
Für Insektenfresser können Knödel aus Rindertalg (gibt"s beim Fleischer), Kleie, zerriebenen Nüssen, Fleischmehl und Insektenschrot (aus dem Fachhandel) aufgehängt werden. Und in manchen Haushalten sollen sogar noch (ungeräucherte!) Speckschwarten anfallen. Erinnern Sie sich? Die hatten unsere Großeltern immer ans Fenster gehängt....
Lebensraum Stadt
Rotkehlchen / Foto: Scharon
Die Berliner Stadtlandschaft ist aufgrund der Vielfalt noch naturnaher Strukturen Lebensraum für erstaunlich viele Vogelarten. Grünanlagen, Parks, Gärten, Friedhöfe, Stadtbrachen und Ruderalflächen an Straßen- und Gleistrassen bieten verschiedensten Spezies ein Auskommen – grundsätzlich auch im Winter! Die kalte Jahreszeit müssen Vogelarten schon geraumer Zeit meistern, sonst könnten sie bei uns nicht überleben. Die natürliche Auslese, die gewissermaßen negativ verfährt, indem sie nur diejenigen Individuen überleben lässt, die ein bestimmtes Anpassungsniveau nicht unterschreiten, sorgt auf diese Weise – wie überall auf der Welt – so auch in unseren Breiten für eine stabile Population. Gerade weil Standvögel dem Winter als unbarmherzigen Selektionsfaktor ausgesetzt sind, liegt ihre Vermehrungsrate im Allgemeinen höher als bei den (wesentlich gefährdeteren) Zugvögeln. Geschwächte oder umgekommene Vögel sind wiederum Nahrung für Beutegreifer und Aasfresser.
Fettfutter in einer Kokoshälfte
Und um mit einem etwas ernüchternden Zitat zum Thema Winterfütterung zu schließen: "In Deutschland wurden in den letzten Jahren rund 250 regelmäßige Brutvogelarten nachgewiesen. 16 ehemals regelmäßige Brutvogelarten sind bereits ausgestorben. Wer seine Gäste an der Futterstelle kennt, weiß, dass auch an gut besuchten Fütterungen kaum 20 verschiedene Vogelarten zu beobachten sind. Somit profitieren von der Winterfütterung am Futterhaus nur etwa 8 Prozent der deutschen Brutvogelarten. Rechnet man Durchzügler und Wintergäste ein, so ist der Prozentsatz noch kleiner." (Magazin für Arten- und Biotopschutz, LBV Bayern, Heft 4/2006)
Fazit
Die Vögel im Winter zu füttern, ist in erster Linie ein Vergnügen für Mensch und Tier! Nicht mehr – aber auch nicht weniger. Die Begegnung mit der Tierwelt am Futterplatz verhilft uns zu schönen Erlebnissen und Beobachtungen. Sie darf uns aber nicht davon abhalten, über die jeweilige biologische Zweckmäßigkeit solcher Zufütterung nachzudenken.

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